„Aus Liebe zum Spiel“ ist umgezogen!

„Aus Liebe zum Spiel“ hat jetzt ein neues Zuhause.

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Die seltsame Welt der deutschen Polizeigewerkschaft

Rainer Wendt, seines Zeichens CDU-Mitglied und Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft DPolG (nicht zu verwechseln mit der Gewerkschaft der Polizei, kurz: GdP) – gilt als Hardliner, der zuverlässig Öl ins Feuer gießt, wenn es bei Demonstrationen oder Fußballspielen zu Ausschreitungen kommt, und leider trotzdem oder gerade deshalb nach wie vor ein beliebter Gast in den politischen Talkshows dieses Landes ist.

Besonders häufig schaltet er sich in die Debatte um die Sicherheit in deutschen Fußballstadien ein. Hier ein paar ausgewählte Zitate:

„Die Situation ist unerträglich! Wir müssen Vereine, die Stadionverbote nicht konsequent umsetzen, vor leeren Rängen spielen lassen und wir müssen Wiederholungstäter mit elektronischen Fußfesseln und lebenslangen Stadionverboten sanktionieren.“

„Wenn die Polizei wegen Personalmangels die Sicherheit nicht mehr gewährleisten kann, wird es zu einem Verbot von Bundesligaspielen kommen. Einen G8-Gipfel können wir nicht ausfallen lassen, als erstes fällt der Fußball aus.”

„In der derzeitigen Situation müssen wir leider jedem Fußball-Fan sagen: Wer ins Stadion geht, begibt sich in Lebensgefahr.“

Diese These untermauerte Wendt vor kurzem mit der Aussage, es sei „reiner Zufall, dass es noch keinen Toten gegeben hat“. Wer solche Ängste bedient, kann damit natürlich auch härtere Sicherheitsmaßnahmen begründen. Nach einem Platzsturm im Berliner Olympiastadion forderte er:

„Die Stehplätze gehören abgeschafft, die Zäune erhöht, und bei jeder Ausschreitung sollten für den Verein 100 000 Euro fällig werden. Wem zudem strenge Leibesvisitationen nicht passen, der soll vor dem Stadion bleiben müssen“

Dies blieb zumindest nicht unwidersprochen:

Doch Wendt geht sogar so weit, Fußballfans auf eine Stufe mit Rockerbanden und Salafisten zu stellen:

„Fußballfans, Rocker, Salafisten sind meine größten Sorgenkinder“

Während er den Besuch eines Fußballstadions aufgrund gewalttätiger Fans für lebensbedrohlich hält, verharmloste er die Polizeigewalt beim Europapokalspiel Schalke 04 gegen PAOK Saloniki mit den Worten:

„Die Kritik des Vereins Schalke 04 muss man zurückweisen. Zum Glück werden Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit von Polizeieinsätzen nicht von Fußballfunktionären beurteilt. Wir sind nicht auf dem Kinderspielplatz, sondern im Fußballstadion.“

(Damals hatte die Polizei wegen des Zeigens einer mazedonischen Fahne die Schalker Nordkurve gestürmt und wahllos Pfefferspray in die Menge gesprüht, wie in diesem Video zu sehen ist.)

Auch zum Vorgehen der Polizei bei politischen Demonstrationen äußert Wendt sich ähnlich, so z.B. über den Wasserwerfer-Einsatz bei einer Demo gegen Stuttgart 21, bei dem ein Demonstrant sein Augenlicht verlor:

„Polizeiliche Einsatzmittel müssen Waffen sein, die weh tun, nur dann wirken sie.“

Als das Oberverwaltungsgericht Koblenz 2012 entschied, dass die Polizei kein „Racial Profiling“ betreiben, also Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe kontrollieren darf, sagte Wendt:

„Man sieht wieder einmal, die Gerichte machen schöngeistige Rechtspflege, aber richten sich nicht an der Praxis aus“

Auch zur Vorratsdatenspeicherung hat Wendt eine klare Meinung:

“Die Ermittler sollten jetzt spähen, soviel es geht, sonst werden der Polizei später fehlende Ermittlungserkenntnisse vorgeworfen.”

Von der Gewaltenteilung hält er anscheinend auch nicht viel:

“Die Polizei sollte berechtigt sein, bundesweite Stadionverbote auszusprechen”

Zur Erinnerung für die, die im Politik-Unterricht nicht aufgepasst haben: Gewaltenteilung bedeutet, dass die staatliche Gewalt auf mehrere Instanzen verteilt wird, nämlich die gesetzgebende Gewalt (Parlamente), die rechtssprechende Gewalt (Gerichte) und die ausführende Gewalt (Polizei). Wenn die Polizei allerdings Stadionverbote ausspricht, würde sie die Aufgabe der rechtsprechenden Gewalt ebenfalls übernehmen. Es gibt gute Gründe, die gegen eine solche Aufweichung der Gewaltenteilung sprechen.

Zudem betont er stets, in welcher Gefahr sich die Beamten tagtäglich befinden und begründet damit u.a. seine Forderung nach der Einführung von Gummigeschossen:

„Sicherer für die Einsatzkräfte wäre eine Waffe, die bereits aus der Distanz eingesetzt werden könnte. Wenn Wasserwerfer nicht mehr reichen, muss die Polizei als Antwort auf die Steine, Brandsätze und Stahlkugeln der Demonstranten Gummigeschosse einsetzen“

Die GdP kritisierte diese Forderung und wies darauf hin, dass allein in Nordirland zwischen 1970 und 2005 durch Gummigeschosse 17 Menschen getötet wurden.

Mehr Zitate von Rainer Wendt auf http://david-schmitz.net/?p=953

Zur Facebook-Seite „Rainer Wendt – Rücktritt jetzt“: https://www.facebook.com/RainerWendtRucktrittJetzt?fref=ts

Angesichts solch populistischer Äußerungen könnte man meinen, dass Rainer Wendt von niemandem, der an einer zielführenden Debatte über Sicherheitsfragen interessiert ist, als Gesprächspartner ernst genommen würde. Doch leider ist das nicht der Fall, da die hiesigen Polit-Talkshows Quote machen wollen und daher Scharfmachern wie Wendt immer wieder eine politische Bühne bieten.
Als Sprecher der größten deutschen Polizeigewerkschaft repräsentiert er seinen Berufsstand und verstärkt das Feindbild der Polizei in den Augen vieler Fußballfans.
Indem er Rassismus verharmlost, wie im Fall der Kritik an einem bayrischen Polizeikalender, und immer wieder einseitig vor linker Gewalt warnt, begibt er sich zudem in die ideologische Nähe der politischen Rechten. Wendt war sich nicht zu schade, seine fragwürdigen Ansichten mehrmals in der rechten Publikation „Junge Freiheit“ zum Besten zu geben. Dort bezeichnete er 2010 den damals Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse als eine „Schande für das Parlament“ und forderte dessen Rücktritt, da Thierse sich an der Blockade eines rechten Aufmarschs beteiligt hatte.

Es lohnt sich zudem, einen näheren Blick auf die DPolG zu werfen: Diese kleinere der beiden Polizeigewerkschaften, die im Deutschen Beamtenbund (dbb) organisiert ist, gilt auch als populistischer als die Konkurrenz der GdP.

Die Polizeigewerkschaften im Vergleich

Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG)
Dachverband: Deutscher Beamtenbund (dbb)
Vorsitz: Rainer Wendt
Mitgliederzahl: 94.000

Gewerkschaft der Polizei (GdP)
Dachverband: Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)
Vorsitz: Oliver Malchow
Mitgliederzahl: 170.000

Auch andere Vertreter der Polizeigewerkschaft sind bereits mehrfach durch rechtspopulistische Äußerungen negativ in Erscheinung getreten. Auf der Website der DPolG Hessen wurde eine Pressemitteilung des Landesvorsitzenden Heini Schmitt über Zuwanderung aus Osteuropa mit dem Untertitel „Diskussion darf sich nicht auf Armut beschränken! Deutlicher Anstieg der Kriminalität gehört zur Wahrheit dazu!“ veröffentlicht.
Dort heißt es u.a.: „Es ist schon sehr zu begrüßen, dass das Thema Zuwanderung aus Osteuropa endlich auch offen diskutiert werden darf, ohne dass man gleich in die „ausländerfeindliche Ecke“ gestellt wird.“
In die ausländerfeindliche Ecke stellt sich der Autor des Textes anschließend selbst, indem er die Armut der osteuropäischen Zuwanderer und die Armut in Deutschland geborener Menschen gegeneinander aufwiegt. Dahinter steckt die selbe Ideologie, die auch auf NPD-Plakaten mit der Aufschrift „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“ zum Ausdruck kommt.
Es mag Leser geben, denen dieser NPD-Vergleich zu weit geht. Dabei veröffentlichte der Polizeispiegel, die offizielle Zeitschrift der DPolG, sogar einen Text des Polizisten Heiko Timmer, in dem dieser den schlechten Ruf der NPD beklagte und seine Zustimmung zur Programmatik der NPD äußerte. Dabei bezog er sich u.a. auf deren Forderungen nach mehr Polizeipräsenz sowie der Einführung einer Todesstrafe für Kinderschänder.

Eine gewisse Bekanntheit erlangte auch der Berliner Landesvorsitzende der DPolG, Bodo Pfalzgraf, durch dieses Video, in dem er seine Ablehnung einer Kennzeichnungspflicht für Polizisten begründet – übrigens im Beisein von Rainer Wendt, der die Kennzeichnungspflicht an anderer Stelle als „linke Klientelpolitik“ bezeichnet hatte:

Erst kürzlich forderte Pfalzgraf, mehr Engagement gegen die „Kiezterroristen“ von Blockupy, die er als „linksextremistisch“ bezeichnete und auf eine Stufe mit den PEGIDA-Anhängern stellte. Sein Engagement gegen links ist angesichts seiner politischen Karriere kaum verwunderlich: Pfalzgraf war früher Mitglied der rechten Partei „Die Republikaner“ (REP).
Ähnlich wie Pfalzgraf äußerte sich auch Björn Werminghaus, stellvertretender Landesvorsitzender der DPolG Hessen, als er die Teilnehmer einer Demonstration für den Erhalt der Roten Flora in Hamburg als „gewalttätigen Abschaum“ bezeichnete.

Die Liste von verbalen Entgleisungen verschiedener Vertreter der DPolG ließe sich noch lange fortsetzen. Ich möchte es an dieser Stelle dabei belassen und lediglich auf die folgenden Links verweisen.

Mehr über rechte Tendenzen der DPolG: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/polizeigewerkschaften-mit-rechten-tendenzen

Mehr zur Person Bodo Pfalzgraf: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/bodo-pfalzgraf-eine-rechte-karriere

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Gewalt gegen Gewalt und die Rolle der Medien

Bei der Blockupy-Demonstration am vergangenen Mittwoch in Frankfurt haben sich nach Polizei-Angaben 17.000, nach Angaben der Veranstalter 25.000 Menschen beteiligt. Am Ende ist es egal, wie viele Demonstranten es genau waren. Auf solche Zahlenspiele, wie sie häufig bei PEGIDA bemüht werden, möchte ich mich hier nicht einlassen. Stattdessen möchte ich auf einige andere Ungereimtheiten der medialen Berichterstattung eingehen.

In den letzten Tagen gab es eine große Debatte über die Gewalt im Rahmen des Blockupy-Aktionstages gegen die Eröffnungsfeier der Europäischen Zentralbank (EZB), die nicht nur in den Kommentarspalten diverser Zeitungen, sondern auch im Bundestag geführt wurde.
Es sind tatsächlich einige Dinge vorgefallen, die nicht im Aktionskonsens von Blockupy lagen. Die Gewalt richtete sich hierbei nicht nur gegen die Polizei oder gegen Filialen der Sparkasse und der Commerzbank, sondern auch gegen mittelständische Geschäfte wie z.B. einen türkischen Imbiss. Außerdem wurden mehrere Autos angezündet.

Dass allerdings auch eine Unterkunft für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge Ziel der Angriffe wurde, stellte sich als Falschmeldung heraus. Inzwischen gibt es auch eine offizielle Stellungnahme von Blockupy zu dem Thema.

Dass der Protest gänzlich friedlich bleibt, hat wohl niemand erwartet. Wenn aber wahllos Gebäude mit Steinen beworfen werden, dann ist die Grenze zwischen militantem Protest und unpolitischer Gewalt überschritten worden.
Ich werde an dieser Stelle nicht jegliche Gewalt verurteilen, da z.B. Blockaden von rechten Aufmärschen und andere Formen des zivilen Ungehorsams wohl kaum gewaltfrei möglich wären. Doch Gewalt darf nicht zum Selbstzweck werden. Das muss so auch innerhalb des Blockupy-Bündnisses Konsens bleiben, will man verhindern, dass Blockupy sich ähnlich entwickelt wie die jährlichen 1. Mai-Demonstrationen, deren revolutionärer Charakter auch in der linken Szene in Frage gestellt wird.

Wichtig ist zudem, sich auch von rechtem Antikapitalismus zu distanzieren. Denn leider haben sich auch gezielt Neonazis des Freien Netz Hessen unter die Demo gemischt, wie man bei der ZEIT und bei Spiegel Online nachlesen kann.
Allerdings ist das nicht auf eine mangelnde Abgrenzung nach rechts durch die Organisatoren des Protests zurückzuführen. Viel mehr ist es eine typische Strategie der Autonomen Nationalisten, Aktionsformen und Themen der politischen Linken für sich zu vereinnahmen.

In einer Pressemitteilung von Blockupy hieß es, dass 200 Demonstranten verletzt wurden, darunter 50 durch den Einsatz von Schlagstöcken, die meisten anderen durch Tränengas.
Von den 150 verletzten Polizisten, von denen in verschiedenen Medienberichte die Rede ist, sind 80 ebenfalls durch Tränengas verletzt worden, das sie selbst eingesetzt hatten. Die Polizeisprecherin Claudia Rogalski behauptet derweil, dass die Polizei keine Granatwerfer zum Abfeuern von Tränengas besessen oder gar eingesetzt habe. Wie man noch im selben Video sieht, sagt sie offensichtlich die Unwahrheit:

Dass nun allerdings fast ausschließlich über die Gewalt von Seiten der Demonstranten berichtet wird und dabei nicht nur die Polizeigewalt ausgelassen wird, sondern auch der politische Zusammenhang häufig auf der Strecke bleibt, ist traurig. Hätte es diese Gewalt nicht gegeben, wäre womöglich kaum über Blockupy berichtet worden. So funktionieren die Medien, allerdings möchte ich hier keine oberflächliche Medienkritik betreiben – das machen bereits die PEGIDA-Anhänger, die den Begriff der „Lügenpresse“ geprägt haben.
Denn dass die Medien so funktionieren, liegt ja nicht daran, dass sie „das Volk verblöden“ wollen, sondern daran, dass sie Quote machen wollen, und sich daher in ihrer Berichterstattung danach richten, was die Menschen sehen wollen – und die meisten Menschen wollen sich nun mal lieber über „gewaltbereite Chaoten“ aufregen, anstatt über politische Zusammenhänge nachzudenken.

Aus dem selben Grund ist auch der Mittelfinger des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis tagelang Gesprächsthema in den deutschen Medien gewesen. Herzlichen Glückwunsch übrigens an Jan Böhmermann für seinen genialen Coup gegen Günter Jauch und die BILD-Zeitung!

Ob Böhmermann das Video gefaked hat oder nicht, er hat die deutsche Medienlandschaft mal wieder nach allen Regeln der Kunst vorgeführt. Schließlich sollte es die Aufgabe der Medien sein, über die Anliegen der griechischen Regierung zu berichten und nicht über den Mittelfinger eines ihrer Minister.
Die griechische Linkspartei SYRIZA, die nun in einer Koalition mit den Rechtspopulisten der Partei ANEL regiert, unterstützt Blockupy, ebenso wie die Partei Die Linke.
Doch warum richtet sich der Zorn der Demonstranten eigentlich gegen die EZB? Deren 1,2 Milliarden Euro teure Neubau in Frankfurt steht symbolisch für die Krisenpolitik der EU, die von Angela Merkel als „alternativlos“ bezeichnet wird. Während Merkel sich in Südeuropa mit ihrem Krisenmanagement viele Feinde gemacht hat, ist sie in Deutschland beliebt wie eh und je.
Hierzulande ist oft die Rede von den „faulen Griechen“, die über ihre Verhältnisse gelebt haben. Dabei ist es nicht das griechische Volk, das die Krise ausgelöst hat, sondern die korrupten Altparteien PASOK und Nea Dimokratia (ND). Es ist auch nicht das griechische Volk, an das die Finanzhilfen geflossen sind, sondern die Banken und Politiker der alten Regierung. Doch es ist das griechische Volk, das die Folgen der Sparmaßnahmen ausbaden muss, die die Troika, eine Kooperation aus EZB, IWF und EU-Kommission, der griechischen Regierung als Bedingung für Kredite auferlegt hat.
Diese Sparpolitik führte zu einem Einbruch der Wirtschaftskraft Griechenlands. Konkret bedeutete dies für die Bevölkerung eine weitere Verschlechterung der ohnehin prekären Situation: Sinkende Gehälter und Renten, steigende Arbeitslosigkeit. Die Suizidrate in Griechenland ist während der Wirtschaftskrise auf das Doppelte angestiegen. Das ist die strukturelle Gewalt des Systems, und man muss sich nicht wundern, dass eine solche Politik zu sozialen Unruhen führt.
Wer also die physische Gewalt der Demonstranten kritisiert, darf von der strukturellen Gewalt nicht schweigen.

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Ultrá und verkürzte Kapitalismuskritik

Große Konzerne sehen sich oft Vorwürfen ausgesetzt, dass sie nicht genug soziale Verantwortlung übernähmen. Doch kann man das von Unternehmen, die sich innerhalb eines kapitalistischen Wirtschaftssystems bewegen, überhaupt erwarten?
Zwar schmücken sich Unternehmen gerne mit der sogenannten „Corporate Social Responsability“, dem sozialen Unternehmertum, doch auch dahinter steckt der Versuch, Werbung für Produkte zu machen.
In einem Wirtschaftssystem, das den Markt über den Menschen stellt, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass wirtschaftlicher Profit bei Unternehmen an erster Stelle steht.
Dennoch werden lieber einzelne Global Player stellvertretend für die soziale Missstände auf der Welt beschuldigt, als das System, in dem diese Konzerne groß geworden sind.
So ist es auch im Fußball. Der FC Bayern als Vorzeigeverein ist gleichermaßen gehasst und geliebt, Hoffenheim gilt als Inbegriff des Kommerz und der eigene Verein wird von den meisten Fans als Verfechter von Tradition und Fankultur romantisiert.
Als Hoffenheim gegen Kaiserslautern in der Relegation antreten musste, war dies laut Hans Sarpei „der Moment, wo ganz Deutschland zum Fan des 1. FC Kaiserslautern wird“.
Allerdings ist gerade der FCK ein Beispiel für unverantwortliches Wirtschaften auf Kosten der Steuerzahler, somit stellt sich die Frage, ob man bei diesem Spiel von einem Duell zwischen Tradition und Kommerz oder von einem Duell zwischen einem staatlich und einem privat finanzierten Verein reden sollte.
Ohne die staatlichen Finanzhilfen, die unter dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten und FCK-Fan Kurt Beck (SPD) geleistet wurden, würde Lautern heutzutage nicht um den Aufstieg in die erste Liga spielen, sondern wahrscheinlich in der 3. Liga.
Gerade der Fußball liefert ideale Bedingungen für dieses Schubladendenken. Nirgendwo sonst gibt es eine solch klare Abgrenzung zwischen „uns“ und „den anderen“. Dies bildet potenziell einen Nährboden für Diskriminierung und strukturellen Antisemitismus, der z.B. nach dem Wechsel von Mario Götze zum FC Bayern zum Vorschein kam.
Zwar ist der Unmut über den Wechsel durchaus nachvollziehbar, doch dass auch der BVB Spieler wie Marco Reus von ihren Klubs losgeeist hat, wird von den Dortmunder Fans gerne außer Acht gelassen.
Denn bei aller legitimen Kritik an Projekten wie Red Bull und Co. muss man auch zugeben: Letztendlich sind „Echte Liebe“ (Borussia Dortmund), „Spürbar anders“ (1. FC Köln) und „Non established since 1910“ (FC St. Pauli) auch nur Marketingslogans.
So warb Dynamo Dresdens Torwart Benjamin Kirsten für den vereinseigenen Energy Drink „Der 12. Mann“ mit den Worten: „Nicht die Dose macht uns als Verein zu dem, was wir sind, sondern wir machen die Dose! Das unterscheidet uns glücklicherweise von einem anderen Verein in der Region“, was natürlich als Provokation gegen RB Leipzig gemeint war. Doch auch dies war im Endeffekt nicht mehr als eine Marketing-Aktion, die dem Verein etwas Geld einbringen sollte.
Inzwischen gibt es auch Energy Drinks mit den Vereinslogos von Bayern München, Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln – und zwar alle vom selben Hersteller.
Überhaupt lohnt es sich, mal die Fanartikel verschiedener Vereine zu vergleichen, da man feststellen wird, dass oftmals die selbe Firma dahinter steckt oder die Artikel sich zumindest stark ähneln. Was auf der Strecke bleibt, ist die Kreativität, weshalb Ultra-Gruppen ja auch ihre eigenen Artikel herstellen.
Natürlich sind Vereine wie RB Leipzig, die einzig und allein zu dem Zweck existieren, Werbung für ein Produkt zu machen, nicht gleichzusetzen mit Traditionsvereinen, die aus finanzieller Notwendigkeit Sponsoren anwerben.
Solche Vereine darf man mit gutem Recht ablehnen, doch man sollte eben auch im eigenen Verein die Augen offen halten, denn Tradition bewahrt sich nicht von selbst und ein Verein lebt nicht nur von seinen Fans, sondern auch von kritischen Mitgliedern, die nicht alle Begleiterscheinungen des modernen Fußballs einfach hinnehmen.
Als Ultra ist man nicht nur fanatischer Anhänger, sondern auch vereinspolitisch engagiert. Daher kann man den Ultras nicht vorwerfen, dem eigenen Verein gegenüber unkritisch zu sein. Doch es wird eine künstliche Abgrenzung zwischen Traditions- und Kommerzvereinen hergestellt, und der Fokus richtet sich meist auf einen oder wenige Vereine, denen der ganze Hass entgegengebracht wird. Früher waren es Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg, später übernahm diese Rolle dann Hoffenheim und nun ist es eben RB Leipzig.
Heutzutage regt sich kaum noch jemand darüber auf, dass für die erstgenannten Werksvereine Ausnahmen in der 50+1-Regel gemacht wurden – und solange es sportlich gut läuft, haben die meisten Fans auch nichts gegen das Engagement von Investoren in ihrem eigenen Verein. Generell üben Fußballfans nur dann Kritik am Vorstand oder Management des eigenen Vereins, wenn sich deren Fehler in der sportlichen Situation widerspiegeln.
Viele FC-Fans, darunter die Mitgliederinitiative FC-Reloaded große Teile der aktiven Szene, haben z.B. schon vor dem Abstieg den Vorstand und das Management des Vereins sowie den Investor Franz-Josef Wernze mit Spruchbändern kritisiert, was sich im Nachhinein als absolut berechtigt erwiesen hat.
Damals wurde man aber von der Mehrheit der Stadiongänger, Forenuser, etc. als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet. Wie schlimm es um den FC wirklich bestellt war, wurde erst deutlich, als Overath endlich als Präsident abgedankt hatte.
Overath war ein Symptom der Krise, in der sich viele Traditionsvereine befinden: Oft vertrauen die Vereine auf ehemalige Spieler, wenn es um die Wahl des Präsidenten oder des Managers geht. Mit Werner Spinner hat der FC jetzt einen Präsidenten, der selbst erklärte, von Fußball keine Ahnung zu haben, dafür aber von Wirtschaft – und angesichts der positiven Entwicklung beim FC kann das nicht so verkehrt sein.
Viele Probleme der Traditionsvereine sind hausgemacht. Es ist durchaus möglich, im modernen Fußball zu überleben, wenn man solide wirtschaftet und die Notwendigkeit unpopulärer Maßnahmen erkennt, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Dennoch sollten der Kommerzialisierung auch im eigenen Verein Grenzen gesetzt werden, z.B. wenn es um die Vermarktung des Stadionnamens an Playmobil oder Schauinsland-Reisen geht. Statt also einzelne Vereine zu kritisieren, sollte man den modernen Fußball als Ganzes betrachten, der wiederum Teil eines gesamtgesellschaftlichen Problems ist, schließlich sind auch Volksfeste wie der Karneval von Kommerzialisierung betroffen.
Dass ein Sport, der derart viele Menschen begeistert wie der Fußball, im Kapitalismus möglichst gewinnbringend vermarktet wird, ist nicht weiter verwunderlich. Das oberste Ziel eines jeden Unternehmens in der Marktwirtschaft ist Gewinnmaximierung. Soziale und ökologische Ziele auf der einen und wirtschaftliche Ziele auf der anderen Seite werden häufig als konfliktär verstanden. Im besten Falle werden soziale Ziele verfolgt, weil sie sich mit den wirtschaftlichen Zielen eines Unternehmens decken oder dessen Image verbessern.
Doch solange die kapitalistische Wirtschaftsordnung besteht, wird es auch immer Global Player geben, die jede Gesetzeslücke ausnutzen, um möglichst geringe Löhne zu zahlen und möglichst wenige Umweltauflagen erfüllen zu müssen.
Eine Kritik, die sich nur gegen einzelne Unternehmen wie Amazon richtet, nicht aber gegen den Kapitalismus an sich, ist daher nicht zielführend und wird als verkürzte Kapitalismuskritik bezeichnet.
Ähnlich verhält es sich im Fußball: Alle Vereine sind heutzutage von Sponsoren abhängig, die Traditionsvereine sind da keine Ausnahme. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, dieses Adorno-Zitat lässt sich auch auf den Fußball übertragen.

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Politischer Rap

Die Nazi-Rapper Dee Ex und Patrick Killat haben kürzlich ein Video mit dem Namen „Europa sagt Nein zur EU“ auf den Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals gedreht, durch das sie mit Sicherheit mehr Bekanntheit erlangt haben, als es ihre Rap-Skills je möglich machen würden.

Es gibt zum Glück nicht allzu viele offen neonazistische Rapper in Deutschland. Hip-Hop und rechte Ideologie scheint auf den ersten Blick so gar nicht zusammen zu passen. Doch vor wenigen Tagen stieß ich auf einen Artikel von rap.de, in dem sich Oliver Marquart mit einem Beitrag des Rappers Kaveh über rechte Tendenzen im Deutschrap auseinandersetzte. Abgesehen davon, dass ich vorher noch nie von Kaveh gehört habe, fand ich es erst einmal gut, dass jemand diese Thematik aufgreift.

So las ich mir erst einmal den Originaltext von Kaveh durch und stieß gleich zu Beginn auf eine provokante These:
„Ich stelle die These auf, dass es in keinem anderen Land des Westens eine Rap-Szene gibt, in der konservatives, nationalistisches, patriotisches oder rassistisches Gedankengut so stark im Untergrund und Mainstream verankert ist und von der Mitte der Gesellschaft gefeiert wird wie in Deutschland.“

Es ist wie so oft, wenn jemand versucht, die deutsche Rapszene zu analysieren: Es lassen sich zwar einige Rapper finden, auf die diese Kritik zutrifft, aber es gibt auch einige Rapper, die den Gegenbeweis liefern. Bestes Beispiel ist die Antilopen Gang bestehend aus Danger Dan, Koljah und Panik Panzer, die in ihren Songs u.a. Alltagsrassismus und Antisemitismus thematisieren.

Auch wenn ich Kavehs Darstellung der deutschen Rapszene für eine unzulässige Verallgemeinerung hielt, las ich erst mal weiter. Doch es dauerte nicht lange, bis ich feststellen musste, dass er in diesem und anderen Gastbeiträgen auf dem Portal „Die Freiheitsliebe“ einige Aussagen trifft, die meiner Meinung nach weitaus bedenklicher sind als die Aussagen der Rapper, auf die er sich in seinem Beitrag bezieht.

Erwähnt wird z.B. auch Afrob, da er Wahlwerbung für die CDU gemacht hat. Das sehe ich auch kritisch, aber ich nehme an, dass es ihm mehr geschadet hat, als es der CDU genützt hat. „Image-Transfer ist keine Einbahnstraße“, um an dieser Stelle Jan Böhmermann zu zitieren.

Doch zurück zu Kaveh: Der mir bisher unbekannte Rapper hat auf besagtem Portal noch letztes Jahr eine „Kritik der antideutschen Szene und der Ideen von Marcus Staiger“ verfasst. Zu dieser „antideutschen Szene“ zählt er neben der Antilopen Gang auch den Battlerapper Roni87, der sich in seinem Lied „Frieden ohne Freiheit“ gegen undifferenzierte und teilweise antisemitische Israelkritik positionierte.

Des weiteren verteidigt er in diesem Artikel u.a. Ken Jebsen gegen die Vorwürfe des Antisemitismus – einen Mann, der auf die Frage, ob er Antisemit sei, mit der Gegenfrage „Ist das verboten?“ antwortet und behauptet, er wisse, „wer den Holocaust als PR erfunden hat“.

Dass Ken Jebsen in dem Artikel erwähnt wird, ist kein Zufall. Der ehemalige Radio-Moderator hatte die Antilopen verklagt, nachdem Koljah ihn im Song „Beate Zschäpe hört U2“ als Antisemiten bezeichnet hatte. Das Gericht entschied, dass der Song weiterhin verbreitet werden darf und berief sich neben der künstlerischen Freiheit auch auf die jüngsten Äußerungen von Jebsen.

Der Konflikt zwischen sogenannten „Antideutschen“ und Anti-Imperialisten, der sich hauptsächlich um den Nahost-Konflikt dreht, besteht schon seit es die Strömung der Antideutschen gibt. Dieser Konflikt war vermutlich auch der Auslöser dafür, dass der ehemals linksradikale Rapper Makss Damage die Seiten wechselte und mittlerweile u.a. durch Beiträge zur Schulhof-CD der NPD eine größere Bekanntheit erlangt hat.

Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen, die vorher links waren, auf einmal rechts werden? Es gibt durchaus Schnittmengen zwischen altlinken Positionen und denen der extremen Rechten. Antisemitismus gibt es nämlich nicht nur in der rechten Szene, sondern auch in der gesellschaftlichen Mitte und sogar in der radikalen Linken.

Meistens bezeichnen sich moderne Antisemiten als „Antizionisten“ oder „Israelkritiker“. Oft sprechen sie auch davon, dass Israel an den Palästinensern einen Völkermord begehe. Diesen stellen sie dann auf eine Ebene mit dem Holocaust und argumentieren so, dass die Zionisten die „neuen Nazis“ seien. Dazu ein passendes Zitat von Koljah: „Nichts als Hetzer in deutscher Tradition, die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um“.

Klar, dass solche Argumentationsmuster anschlussfähig für rechtes Gedankengut sind. Deshalb gibt es das Phänomen der Querfront. Deshalb dürfen verkürzte Kapitalismuskritik und die einseitige Betrachtung des Nahost-Konflikts nicht unwidersprochen bleiben, erst recht nicht, wenn etablierte Rapper wie Snaga & Fard diese in Reime verpacken und mit NPD-Slogans wie „Todesstrafe für Kinderschänder“ vermischen. Natürlich darf man die beiden Künstler deshalb nicht mit der NPD vergleichen, aber die freut sich, wenn Rapper, die viele jugendliche Fans haben, ihre Themen vertreten.

Fler muss sich z.B. nicht wundern, dass die Aussage „Bei mir hängt die Fahne nicht nur bei der Fußball-WM“ von der NPD verwendet wurde. Neulich hat der NPD-Kreisverband Leipzig sogar „Willst du“ von Alligatoah auf ihrem Facebook-Profil gepostet, PEGIDA missbrauchte bei Demonstrationen den Song „Der Druck steigt“ von Casper.

Man kann also auch Opfer rechter Instrumentalisierungsversuche werden, ohne sich rechtsoffen zu geben. Wer aber wie Fler „ständig mit dieser Nazi-Kacke kokettiert“ (Bushido), bereitet den Nährboden für offen rechtsradikale Rapper wie Dee Ex oder Makss Damage.

Wer aber wie Kaveh über Antideutsche und Israel schimpft, macht sich mitschuldig am Erstarken der Querfront und des neuen Antisemitismus. Dass solche Ansichten in der deutschen Rapszene vermehrt auftreten, ist meiner Meinung nach derzeit die größere Gefahr als vermeintlich konservative Rapper wie Afrob, Sido oder Harris.

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