Politischer Rap

Die Nazi-Rapper Dee Ex und Patrick Killat haben kürzlich ein Video mit dem Namen „Europa sagt Nein zur EU“ auf den Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals gedreht, durch das sie mit Sicherheit mehr Bekanntheit erlangt haben, als es ihre Rap-Skills je möglich machen würden.

Es gibt zum Glück nicht allzu viele offen neonazistische Rapper in Deutschland. Hip-Hop und rechte Ideologie scheint auf den ersten Blick so gar nicht zusammen zu passen. Doch vor wenigen Tagen stieß ich auf einen Artikel von rap.de, in dem sich Oliver Marquart mit einem Beitrag des Rappers Kaveh über rechte Tendenzen im Deutschrap auseinandersetzte. Abgesehen davon, dass ich vorher noch nie von Kaveh gehört habe, fand ich es erst einmal gut, dass jemand diese Thematik aufgreift.

So las ich mir erst einmal den Originaltext von Kaveh durch und stieß gleich zu Beginn auf eine provokante These:
„Ich stelle die These auf, dass es in keinem anderen Land des Westens eine Rap-Szene gibt, in der konservatives, nationalistisches, patriotisches oder rassistisches Gedankengut so stark im Untergrund und Mainstream verankert ist und von der Mitte der Gesellschaft gefeiert wird wie in Deutschland.“

Es ist wie so oft, wenn jemand versucht, die deutsche Rapszene zu analysieren: Es lassen sich zwar einige Rapper finden, auf die diese Kritik zutrifft, aber es gibt auch einige Rapper, die den Gegenbeweis liefern. Bestes Beispiel ist die Antilopen Gang bestehend aus Danger Dan, Koljah und Panik Panzer, die in ihren Songs u.a. Alltagsrassismus und Antisemitismus thematisieren.

Auch wenn ich Kavehs Darstellung der deutschen Rapszene für eine unzulässige Verallgemeinerung hielt, las ich erst mal weiter. Doch es dauerte nicht lange, bis ich feststellen musste, dass er in diesem und anderen Gastbeiträgen auf dem Portal „Die Freiheitsliebe“ einige Aussagen trifft, die meiner Meinung nach weitaus bedenklicher sind als die Aussagen der Rapper, auf die er sich in seinem Beitrag bezieht.

Erwähnt wird z.B. auch Afrob, da er Wahlwerbung für die CDU gemacht hat. Das sehe ich auch kritisch, aber ich nehme an, dass es ihm mehr geschadet hat, als es der CDU genützt hat. „Image-Transfer ist keine Einbahnstraße“, um an dieser Stelle Jan Böhmermann zu zitieren.

Doch zurück zu Kaveh: Der mir bisher unbekannte Rapper hat auf besagtem Portal noch letztes Jahr eine „Kritik der antideutschen Szene und der Ideen von Marcus Staiger“ verfasst. Zu dieser „antideutschen Szene“ zählt er neben der Antilopen Gang auch den Battlerapper Roni87, der sich in seinem Lied „Frieden ohne Freiheit“ gegen undifferenzierte und teilweise antisemitische Israelkritik positionierte.

Des weiteren verteidigt er in diesem Artikel u.a. Ken Jebsen gegen die Vorwürfe des Antisemitismus – einen Mann, der auf die Frage, ob er Antisemit sei, mit der Gegenfrage „Ist das verboten?“ antwortet und behauptet, er wisse, „wer den Holocaust als PR erfunden hat“.

Dass Ken Jebsen in dem Artikel erwähnt wird, ist kein Zufall. Der ehemalige Radio-Moderator hatte die Antilopen verklagt, nachdem Koljah ihn im Song „Beate Zschäpe hört U2“ als Antisemiten bezeichnet hatte. Das Gericht entschied, dass der Song weiterhin verbreitet werden darf und berief sich neben der künstlerischen Freiheit auch auf die jüngsten Äußerungen von Jebsen.

Der Konflikt zwischen sogenannten „Antideutschen“ und Anti-Imperialisten, der sich hauptsächlich um den Nahost-Konflikt dreht, besteht schon seit es die Strömung der Antideutschen gibt. Dieser Konflikt war vermutlich auch der Auslöser dafür, dass der ehemals linksradikale Rapper Makss Damage die Seiten wechselte und mittlerweile u.a. durch Beiträge zur Schulhof-CD der NPD eine größere Bekanntheit erlangt hat.

Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen, die vorher links waren, auf einmal rechts werden? Es gibt durchaus Schnittmengen zwischen altlinken Positionen und denen der extremen Rechten. Antisemitismus gibt es nämlich nicht nur in der rechten Szene, sondern auch in der gesellschaftlichen Mitte und sogar in der radikalen Linken.

Meistens bezeichnen sich moderne Antisemiten als „Antizionisten“ oder „Israelkritiker“. Oft sprechen sie auch davon, dass Israel an den Palästinensern einen Völkermord begehe. Diesen stellen sie dann auf eine Ebene mit dem Holocaust und argumentieren so, dass die Zionisten die „neuen Nazis“ seien. Dazu ein passendes Zitat von Koljah: „Nichts als Hetzer in deutscher Tradition, die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um“.

Klar, dass solche Argumentationsmuster anschlussfähig für rechtes Gedankengut sind. Deshalb gibt es das Phänomen der Querfront. Deshalb dürfen verkürzte Kapitalismuskritik und die einseitige Betrachtung des Nahost-Konflikts nicht unwidersprochen bleiben, erst recht nicht, wenn etablierte Rapper wie Snaga & Fard diese in Reime verpacken und mit NPD-Slogans wie „Todesstrafe für Kinderschänder“ vermischen. Natürlich darf man die beiden Künstler deshalb nicht mit der NPD vergleichen, aber die freut sich, wenn Rapper, die viele jugendliche Fans haben, ihre Themen vertreten.

Fler muss sich z.B. nicht wundern, dass die Aussage „Bei mir hängt die Fahne nicht nur bei der Fußball-WM“ von der NPD verwendet wurde. Neulich hat der NPD-Kreisverband Leipzig sogar „Willst du“ von Alligatoah auf ihrem Facebook-Profil gepostet, PEGIDA missbrauchte bei Demonstrationen den Song „Der Druck steigt“ von Casper.

Man kann also auch Opfer rechter Instrumentalisierungsversuche werden, ohne sich rechtsoffen zu geben. Wer aber wie Fler „ständig mit dieser Nazi-Kacke kokettiert“ (Bushido), bereitet den Nährboden für offen rechtsradikale Rapper wie Dee Ex oder Makss Damage.

Wer aber wie Kaveh über Antideutsche und Israel schimpft, macht sich mitschuldig am Erstarken der Querfront und des neuen Antisemitismus. Dass solche Ansichten in der deutschen Rapszene vermehrt auftreten, ist meiner Meinung nach derzeit die größere Gefahr als vermeintlich konservative Rapper wie Afrob, Sido oder Harris.

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1 Antwort auf „Politischer Rap“


  1. 1 Wayne 30. März 2015 um 10:24 Uhr
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